Leser ernst nehmen!

Die Landeserstaufnahmestelle (LEA) Meßstetten war nach einigen Monaten – wie die meisten in Deutschland – mit mehreren Tausenden Flüchtlingen hoffnungslos überbelegt, die Stimmung angespannt. An einem Abend im November kam es an der Essensausgabe zu einer heftigen Massenschlägerei. Die Lage war völlig unklar; aus allen Richtungen rasten Polizeifahrzeuge mit Blaulicht in Richtung der Erstaufnahmestelle. (Man muss wissen: Ernstzunehmende Straftaten seitens der Flüchtlinge hatte es in der Stadt entgegen aller Gerüchte nie gegeben; in der Aufnahmestelle selbst kam es hingegen zu Auseinandersetzungen.) Ich erfuhr aus Polizeikreisen schnell, dass es sich diesmal um eine große Sache handeln musste; es sollten Eisenstangen im Spiel sein und Steine fliegen.

Entsprechend groß fiel das Polizeiaufgebot aus, die Beamten wussten nicht, was sie erwartete. Ich versuchte, jemandem im Führungs- und Lagezentrum der Polizei ans Telefon zu bekommen, klapperte Kontakte des Roten Kreuzes ab, in der Hoffnung, mir ein Bild machen zu können. Nach nicht allzu langer Zeit veröffentlichte ich online eine knappe erste Meldung mit wenigen, aber gesicherten Informationen.

Für viele zu spät. Per Facebook hatten uns bereits zu dem Zeitpunkt, als die Polizei noch auf dem Weg (!) zum Einsatzort war, zahlreiche wütende Nachrichten erreicht, in denen Leser vermuteten, dass wir wohl wieder alles verschweigen wollen, da sie weder auf zak.de noch auf unserer Facebookseite etwas gefunden hatten. In E-Mails wurden wir aufgefordert, endlich (!) zu berichten. Offenbar waren eine Menge Leute zutiefst davon überzeugt, dass wir den Vorfall verschweigen würden. In den Monaten zuvor hatten teils absurde Gerüchte zeitweise die ganze Region verunsichert.

Nachdem wir tags darauf umfangreicher über die Schlägerei berichtet hatten, rief mich eine ältere Leserin aus einer Nachbargemeinde Meßstettens an. Sie war sicher, dass es entgegen unserer Berichterstattung in der Zeitung Tote gegeben haben muss. „Sonst wären da nicht so viele Polizeiautos hochgefahren, das kann gar nicht anders sein.“ Nun war die Schlussfolgerung, dass es Tote gegeben hatte, Unsinn. Zweifelsfrei hatte die Frau aber große Angst.

Ich habe mir daraufhin die Mühe gemacht und auf alle Nachrichten und E-Mails sehr ausführlich geantwortet, erklärt, wann ich von der Auseinandersetzung erfahren habe, was ich dann getan habe, mit wem ich telefoniert habe. Warum es nicht sinnvoll ist, ungeprüfte Informationen zu verbreiten. Und dass eine halbe Stunde eine lange Zeit für jemanden ist, der auf eine Nachricht wartet, aber eine kurze für jemanden, der versucht, die Polizei ans Telefon zu kriegen, die gerade ihren größten Einsatz des Jahres zu koordinieren hat. Mit einigen der Leser hatte ich daraufhin längere Zeit Kontakt; sie zeigten ernsthaftes Interesse an der Arbeit unserer Redaktion, von der sie – teils jahrzehntelange treue Abonnenten – keine große Vorstellung hatten.

Das ist nicht vergnügungssteuerpflichtig, aber auch nicht – wie wir lange Zeit dachten – ein Kampf gegen Windmühlen. Im Gegenteil. Einige der Leser, die uns damals unterstellt hatten, ungefähr alles vertuschen zu wollen, melden sich heute regelmäßig auf der Facebookseite unserer Zeitung zu Wort und machen, wie wir scherzhaft sagen, einen guten Job. Wir beobachten mit Freude, wie sie nunmehr ihrerseits – nicht nur beim Flüchtlingsthema – anderen Lesern erklären, wie wir arbeiten, uns in Schutz nehmen und sogar unsere Paywall verteidigen.

 

Gerüchte, Fake-News und Hate-Speech: In der Lokalredaktion des Zollern-Alb-Kuriers haben wir rund um die Berichterstattung über die LEA Meßstetten gelernt, wie Journalisten mit diesen Herausforderungen umgehen können. An dieser Stelle beantworte ich in loser Reihenfolge die häufigsten Fragen, die mich zu unserer Arbeit erreichen und stelle Beispiele vor.

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